Marokko - 1000 und 1 Nacht

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Squai
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Marokko - 1000 und 1 Nacht

Beitragvon Squai » 28.07.2011 - 23:15

Fast 3 Monate sind nun vergangen, seit ich am 03. Mai 2011 mitten in „Mille et une Nuit“ in Marokko, genauer gesagt, im bunten und verrückten Marrakesch gelandet bin. Ab da vergaß ich (fast) alles, die Zeit, mich selbst, meine Leute zu Hause und an anderen Orten der Welt, meine Reise Homepage und meinen ursprünglichen Plan auch Portugal und Spanien näher zu erkunden. Und dann war es auch schon wieder so weit, dass ich meine letzten Tage und Stunden in Tanger verbrachte – der Endstation meines Marokko Aufenthalts – und auf meine Fähre nach Barcelona wartete. Denn zumindest in diese spanische Stadt, für mich die Gaudi Stadt, wollte ich noch ein paar Tage eintauchen, um dann den Schlenker nach Südfrankreich in die Nähe von Toulon zu machen. Dort habe ich einen alten Freund besucht, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Und nun, Ende Juli, bin ich endgültig wieder daheme.

Es ist nahezu unmöglich, in kurzer Form diese Zeit zu beschreiben, die ich an den unterschiedlichsten Orten verbrachte. (Mehr dazu, gibt es wie immer auf meiner Reisehomepage.) Wobei jeder Ort völlig anders war, als der vorige, und ich mich manchmal fragte, wie viele Facetten hat dieses Land noch? Ich habe mich in den verrückten, aber interessanten und bunten Souks von Marrakesch verlaufen – wie das wahrscheinlich jeder Neuankömmling erst einmal macht – und ich habe meine erste Tajine am Rande des Jemna el Fna, dem großen Platz vor der Medina gegessen, wo wenige Tage vor meiner Ankunft eines der Markenzeichen, das CafÜ© Argana durch eine Bombe zerstört wurde und etliche Menschen ihr Leben verloren. Mich hat es sehr berührt, wie die Marrakeschi damit umgegangen sind. Und ich war, wie immer in fremden Landen, gespannt auf die ganz speziellen Essensgenüsse, die hier wohl nur am Rande der kleinen Gassen in den winzigen Garküchen zu finden sind. Und von denen ich manchmal nicht einmal wusste, was es ist, was ich da esse. Hauptsache es schmeckte.

Ich traf meine ersten interessanten Leute sowohl aus Marokko, als auch aus anderen Ländern. So sah es z.B. aus, als wenn halb Südamerika hier unterwegs sei, denn aus fast jedem südamerikanischen Land sind sie mir immer wieder über den Weg gelaufen, haben sogar mit mir in meinem Riad gewohnt. Natürlich traf ich zur Eingewöhnung auch die „bad boys“, die es anfangs – trotz meines Lehrjahres in Asien – immer wieder schafften, mich mit ihren Tricks, ihrem Charme, ihrer Dreistigkeit und was sie sonst noch so drauf hatten, um ein paar Dirham zu erleichtern. Und auch die Bettler haben es auf die eine oder andere Art immer wieder geschafft, mich zu erweichen.

Von Marrakesch aus ging's in den Hohen Atlas nach Imlill, um dort ein wenig auf einem Muli durch die Berge zu schaukeln und ins Ourika Valley, beides Orte in einer atemberaubenden Gebirgslandschaft. Und ich machte natürlich den etwas weiteren Abstecher über das Valley of Roses, Ouarzazate und die berühmten Georges nach Merzouga, einem Ort am Rande der Wüste, um auf einem Dromedar ein Stück weit in die schier endlosen Sanddünen der Sahara zu unserem Camp bei den blau gekleideten Berbern zu reiten. Den Touris wird gerne erzählt, dass es Tuareg seien, doch die leben nicht in Marokko, nur in den anderen Wüstenstaaten, wie Einheimische versicherten. Was ich zuerst nicht glauben wollte, hatte ich mir doch auch eingebildet, bei den Tuaregs gewesen zu sein. Genauso, wie ich kaum glauben konnte, dass wir des Nachts in unserem Camp von einem Gewitter + Regen in einer Form überrascht wurden, wie ich es seit langem nicht mehr erlebt hatte. Die Nacht war taghell, so schnell folgten die Blitze aufeinander. Unser Zelt brach unter den Wind- und Regenböen zusammen und wir konnten mit unseren Klamotten nur noch in ein anderes flüchten, das dann Gott sei Dank hielt. Da fährt man in die Wüste, die als trockenes Gebiet gilt und wird fast weggeschwemmt. Wie unsere Gastgeber erzählten, regnet es in der Sahara bei ihnen normalerweise 3 bis 5 Mal im Jahr. Wobei in diesem Jahr das Soll bereits mehrfach erfüllt worden sei.

Und ich sah eine Unmenge an Störchen, sowohl in Marrakesch, als auch überall an anderen Stellen in Marokko. Ich wusste bisher nicht, dass es so viele dieser großen Vögel an einer Stelle geben kann und dann auch noch mitten in den großen Städten, statt in Feuchtgebieten, in denen ich Vater Adebar bisher immer nur mal einzeln und gelangweilt herumstehen sah, weil sich kein Frosch opfern wollte. Und hier gab es gleich Dutzende von Familien mit jungen Störchen und dem ganzen Geklapper, dem sie ja ihren Namen Klapperstorch zu verdanken haben. Und vielleicht gibt es ja deshalb bei dem Angebot an Transporteuren in Marokko noch so viele Kinder. :smile:

Meine nächste Stadt war Agadir, eine etwas langweilige und ziemlich touristische Stadt mit einem durchaus interessanten Umland und einem überquellenden Strand + Rentnertourismus wie auf Malle und an anderen Stellen. Aber ich wollte unbedingt hier her, ohne zu wissen warum. Und sei es nur der Klang des Wortes „Agadir“ gewesen, das, wie ich erfuhr, auch Kornspeicher bedeutet. Oder, um vielleicht mal wieder zu erfahren, was es heißt, wenn die Temperaturen auf 45 Grad klettern, für die der heiße Sahara Wind sorgte und so schon mal einen Vorgeschmack zu bekommen, wenn es später im Inland ebenfalls heißer – so um die 40 – werden würde. Hier in Agadir habe ich mir ein einziges Mal auf meiner Reise ein Zimmer mit Klimaanlage gegönnt, um nicht durch die Hitze, an die ich noch nicht gewöhnt war, 'nen Föhn zu kriegen. Also sah ich zu, dass ich nach Essaouria weiter kam, der Stadt, die auch „Windy Essaouria“ genannt wird, weil es dort davon das ganze Jahr über genug davon gibt. Den Kite- und sonstigen Surfern zur Freude. Ansonsten ein wunderbarer Platz, um ein paar Tage dort zu bleiben, den super-leckeren und absolut fangfrischen Fisch zu genießen und die bezaubernden Menschen mitsamt Schlitzohren. Der Zufall hatte mich in das prima Hotel „Le Bastion“ geführt, das von einer Marokkanerin und ihrem deutschen Mann geführt wird. Leider war ich viel zu früh im Juni dort, um das großen Musikfestival zu erleben, das Ende Juni stattfindet.

Und dann ging's weiter ins große und verrückte Casablanca, das, wenn man große Städte mag, für ganz spezielle Erlebnisse der verschiedensten Art gut sein kann. Ich habe jeden einzelnen Tag mit allem genossen, was mir unter die Füße, vor die Augen, zwischen die Kauleisten und sonst wohin kam. Hier habe ich mein zweites Bier getrunken, das sogar in Casablanca gebraut worden war. Das erste gab es von Kamal, einem der Mitarbeiter in meinem Riad Iaazane in Marrakesch, wo es weniger leicht ist, überhaupt an Alkohol zu kommen. Am leichtesten ging das in Tanger, wo es an jeder Ecke 'ne Bar, ein Restaurant o.ä. gibt, wo Alkohol verkauft werden darf. Da ich aber eh nicht so drauf stehe, habe ich es auch nicht vermisst. Und so habe ich außerdem nur noch mal an anderer Stelle den marokkanischen Wein probiert, der zwar etwas würziger ist, als ich ihn normalerweise mag, aber trotzdem gut trinkbar war. Vom marokkanischen Schnaps, den es in Essaouria geben sollte, habe ich die Finger gelassen, weil er als arger Rachenputzer beschrieben wird.

In Casa war ich natürlich in der riesigen und beeindruckenden Moschee Hassan II direkt am Meer, und als Gegenstück, in der CathÜ©drale du SacrÜ© Couer, einer alten wunderschönen weißen Kirche mit Art Deco Elementen. Sie wird aber nicht mehr als Kirche genutzt, sondern für Ausstellungen u.ä. Und an meinem letzten Tag war ich dort noch auf der Ausstellungseröffnung des deutschen Künstlers Günther Uecker, die vom dortigen Goethe Institut ausgerichtet wurde. Ich hatte meine Weiterfahrt extra deswegen um einen Tag verschoben, um diesem Künstler, der mir schon in meiner Studentenzeit imponierte, endlich mal zu begegnen.

Ich bin der Corniche gefolgt, das ist eine schier endlose Straße an Casablancas Strand entlang, mit all den Auswüchsen, die solche Strandmeilen heute nahezu überall aufzuweisen pflegen. Sämtliche Burger- und sonstige Ketten, wie auch die Hotelketten mit ihren Privatständen, die die öffentlichen Strände auf ein Minimum und dorthin zurückdrängen, wo es felsig und weniger attraktiv zu werden beginnt. Und was es an solchen Orten sonst noch an vermeintlich Unverzichtbarem so gibt. Alles war vertreten, einschl. der Menschenmassen + ihrer Kinder, die diese Disney Welt scheinbar genossen. Mein Ding war es nicht.

Das waren eher Casas Straßen mit all den Jugendstil und Art Deco Häusern und natürlich die alte Medina und Habous, die neue Medina. Wobei letztere nur wenig jünger ist, als die andere. Aber völlig unterschiedlich. Ist die alte Medina eher gleichzusetzen mit all den anderen Medinas in den anderen Städten – wenn auch deutlich gemäßigter als in Marrakesch – ist Habous eher so etwas wie eine Vorzeige-Medina, die sehr schön restaurierte Häuser enthält, in denen Geschäfte, Büros, Wohnungen und anderes untergebracht sind. Aber vielleicht lag das auch nur daran, dass der Königspalast gleich umme Ecke lag. Erst im reinen Marktbereich wurde es wieder etwas kruschiger mit Wiedererkennfaktor aus anderen solcher Gegebenheiten. Incl. der Kamelmetzger mit den abgeschnittenen Kamelköpfen als Erkennungszeichen, bei denen man sich Fleisch kaufen kann, um es dann in einem der umliegenden kleinen Restos gegen ein kleinen Obolus zubereiten zu lassen. Eine geniale Idee, wie ich finde, und die ich auch schon in Essaouria kennen gelernt hatte, aber ansonsten nirgendwo sonst entdecken konnte.

Ich habe einen Drink im Nobelschuppen Rick's CafÜ© genommen, und ich schlürfte fast täglich ein paar frische Austern, weil mein schnuckeliges Jugendstil Hotel Mon Rܨve gleich neben der Markthalle lag und die Dinger hier für unsereins sehr preisgünstig sind. Das Hotel, in dem ich meine erste Nacht verbringen musste – das „Oued Dahab“ – war mal wieder ein Griff ins Klo, obwohl Lonely Planet Empfehlung. Aber das ist mir auch damals auf meiner großen Reise bereits einige Male passiert und hier in Marokko zuvor schon in Imlill. Keine Ahnung, wie diese schmutzigen Butzen es in den LP schafften. Dabei liegen die wirklichen Hostel / Hotel Perlen vom LP unentdeckt oft nicht weit davon entfernt oder sogar gleich gegenüber. Kann mir mal jemand erklären, wie die LP Tester unterwegs sind? Okay, zwischen Recherche und Druck liegt eine gewissen Zeit, aber ist es möglich, eine Bleibe in 2 oder 3 Jahren so herunter zu wirtschaften, wenn nicht gerade die Hunnen oder andere Mietnomaden in Massen eingefallen sind? Obwohl ich zur Ehrenrettung hinzufügen muss, dass die Empfehlungen oft genug auch stimmten und sehr brauchbar, oder z.T. sogar mächtig unterbewertet waren. Was dann natürlich immer sehr erfreulich war, wenn ich dann so eine Perle erwischte.

Die folgenden Städte komplettierten meinen Trip durch Marokko: Rabat, die Hauptstadt, ebenfalls noch vom Atlantik angenehm temperiert. Um dann per Bahn ins inzwischen heiße Landesinnere, nach Meknܨs im Mittleren Atlas vorzudringen. In dessen Nähe Moulay Idriss liegt, der heiligste Ort Marokkos, in dem bis vor ein paar Jahren noch keine Ungläubigen übernachten durften. Auch er war – incl. Hostel, das „Maison D'hote El Kasaba“, das ich zu den Perlen zähle – eine sehr angenehme Erfahrung, sehr friedlich und beschaulich. Etwas, was man zwischendurch vielleicht auch mal braucht, selbst wenn man nicht im Schnellgang von einem Ort zum andern saust. Und ich bin natürlich durch Volubilis gestromert – weswegen wohl die meisten herkommen – der Ruine einer alten römischen Siedlung ganz in der Nähe, wo ich auch wieder den Störchen fast auf den Schnabel schauen konnte.

Danach ging's nach Fܨs, in dem es natürlich nicht kühler wurde, da noch weiter im Landesinneren gelegen. Und das blieb auch so, bzw. wurde eher noch heißer, schließlich war Sommerzeit, in der es im August 50 Grad und mehr haben soll. In Fܨs hatte ich die Jugendherberge als Quartier gewählt. Eine Bleibe, die mir gut gefallen hätte, wenn sie denn brauchbare Öffnungszeiten gehabt hätte. Man kam weder rein, noch raus, wenn man nicht die passenden Zeiten erwischte. Was mich mächtig an meine Jugendzeit erinnerte, als es in den Juhes bei uns ähnlich zuging. Was Fܨs angeht, ist es eh mit Budget Unterkünften nicht so dolle bestellt. Es bleibt, wie meistens, die Wahl zwischen einer in der Medina oder einer in der Neustadt. Manchmal haben mir die in der Medina gut gefallen, dann wieder die in der Neustadt. Und hier schien mir die Juhe die bessere Wahl zu sein, trotz der Zeiten und der Tatsache, dass ich zur Medina immer ein Taxi oder einen Bus brauchte, da der Weg in der Hitze einfach zu weit war, wie ich schnell auf einem Probegang herausfand.

Von Fܨs aus nahm ich dann ein letztes Mal den Zug, der mich nach Oujda brachte, der östlichsten größeren Stadt Marokkos und Grenzstadt an der leider geschlossenen algerischen Grenze. Obwohl dieser Aderlass der Stadt natürlich nicht gut bekommen ist, kann man es doch gut ein paar Tage hier aushalten, wenn einem die Zeit nicht im Nacken sitzt. Aber dann wollte ich doch weiter nach Berkane mit der alten alten kleinen Kirche, die von ihrem damaligen Priester eigenhändig mit Bildern ausstaffiert worden war, die nicht in die Mainstream Richtung der Kirche passten. Und wenn jemand in dieser Institution es wagt, Eigenes zu realisieren, dann ist das für mich, der schon lange nicht mehr Mitglied dieser Gemeinschaft ist und immer noch den einen oder anderen Rochus darauf hat, schon einen Umweg wert. Zumal heute in der Kirche ein marokkanischer Umweltverband seine Zelte aufgeschlagen hat, dessen Hauptmatador wiederum mit einem ca. 300 Jahre alten marokkanischem Bauernhof, der „Gite Tagma“ in dem National Park bei Tafouralt und dessen Besitzer Yamani verquickt ist, so dass ich ernsthaft überlegt hatte, ob ich dort nicht ein oder zwei Nächte in der totalen Abgeschiedenheit verbringen sollte. Unter http://www.gitetagma.com ist das Schmuckstück sogar im Internet zu finden, wenn auch nur auf Französisch.

Nun denn, die Üœberlegung fiel pro „Gite Tagma“ aus, womit ich mich in ein kleines aber feines und recht spezielles Abenteuer stürzte. Das fing beim Hinkommen an und hörte beim wieder Wegkommen noch nicht auf. Beides musste erst einmal per „grande taxi“ von Berkane nach Tafouralt geregelt, und dann noch mit reichlich Geduld durch ein selbst rekrutiertes privates Auto für die letzten 3,5 Kilometer bergauf, bergab über eine Huckelpiste ins letzte klitzekleine Dorf vor der Gite ergänzt werden. Was die Besitzer dieser eher schrottreifen alten Renault 12 jedes Mal mit 30 Dirham (knapp 3 Euro) bezahlt haben wollten. Damit waren sie auf Grund ihrer Monopolstellung teurer, als das Taxi, das pro Nase für jede Fahrt über 50 Kilometer nur den gleichen Betrag haben wollte. Wobei man jedoch wissen muss, dass die alten 240er dann mit 6 Fahrgästen so vollgestopft sind, dass die Fahrer die seitlichen Armlehnen an den Türen demontiert haben, damit sich niemand den Hüftknochen poliert.

Und nach der Fahrt im zwar altersschwachen, aber funktionierenden Renault kam dann noch das Muli hinzu, das mein Gepäck die letzten Höhenmeter hinunter zur Gite transportierte. Wobei der Teil, der zwischen An- und Abreise lag, von dem leckerem Essen, den äußerst freundlichen Gastgebern und einer Stille, die man hören konnte, gekrönt war. Was aber leider durch die ausgefallene Pumpe fürs Wasch- und Duschwasser, die fast stehende Hitze und die sehr, sehr fleißigen Bed Bugs beeinträchtigt wurde. Den Viechern hatte ich 130 zählbare Bisse oder Stiche zu verdanken. Es müssen sogar noch mehr gewesen sein, wobei sich die restlichen an nicht einsichtigen Stellen befanden, jedenfalls dem Jucken nach zu urteilen. Ob die Biester beißen oder stechen, weiß ich nicht, was auch egal sein dürfte, da sie mich so oder so noch tagelang beschäftigten und die Stellen, an denen sie sich bedient haben, auch in Tanger immer noch zu sehen waren. Aber ansonsten habe ich mich frei nach Bolle, ganz köstlich amüsiert.

Und dann kehrte ich Marokko für 3 Tage den Rücken, um im bezaubernden spanischen Melilla an der Mittelmeerküste mal wieder Euro Luft zu atmen. Obwohl mir in Melilla vieles natürlich nicht nur spanisch, sondern auch marokkanisch vorkam, war es eine angenehme Unterbrechung, die mich schon mal etwas darauf einstimmte, wie es in gar nicht all zu langer Zeit wieder sein würde, wenn mich das Mittelmeer von Marokko erst einmal wieder trennen würde. Was aber ja noch nicht so weit war, denn es ging – etwas nervig – aus logistischen Gründen wieder zurück nach Nador und gleich weiter nach Al Hoceima und dann nach Chefchaouen, einer der wohl bezauberndsten Städtchen im genauso bezaubernden Rif Gebirge. Bereits auf dem Weg dahin sind wir mit dem Bus Kilometer um Kilometer auf der kurvigen Straße an den Hasch Feldern vorbei gefahren, bei denen in einem die Frage auftaucht, wo der ganze Stoff mal landet. Zumal der Anbau zwar nicht ganz legal, aber auch nicht konsequent verboten ist, weil er die Haupteinnahmequelle in dieser Region für die hier lebenden Bauern ist. Und genauso sieht es beim Besitz und Rauchen von Hasch aus. Und so sieht man hier abends die älteren Männer mit ihren langen Kif Pfeifchen vor den Türen sitzen und die jüngeren mit teilweise riesigen Tüten, wie sie sich ihre Dröhnung reinziehen. Denn wie gesagt, ist das Verbot für Einheimische so weich, dass sich niemand darum kümmert. Außerdem rauchen zumindest die älteren locals ihr Kif anders, als es ansonsten üblich ist, nämlich ohne die Beimischung von Tabak, der in den kleinen Pfeifchen eh keinen Platz hätte. Aber wehe, man lässt sich als Ausländer in Marokko mit Hasch erwischen. Wie es heißt, kostet es viel Zeit, Mühe und auf jeden Fall einiges an Geld, um aus dem marokkanischen Gefängnis wieder heraus zu kommen, bzw. erst gar nicht hineinzukommen. Und dieser Ort sei der letzte, an oder in dem man sich in Marokko zu sein wünschen sollte, versicherte man mir.

Auch wenn es also in Chefchaouen keinen Haschtrip gab, gab es dennoch einen Trip, der mir auch so etwas wie Höhenflüge bescherte. Das war ein mehrstündiger Ausflug in den Nationalpark in dem sich natürlich auch Haschfelder befanden. Er fand unter der Führung von Abdul statt, der seine Semesterferien zuhause verbrachte und ansonsten in Barcelona studierte. Die beiden jungen Polinnen in meinem Hotel hatten ihn aufgetan und es dauerte nicht lange, bis die Idee zu dieser kleinen Tour im Raum stand, der sich auch das amerikanische Ehepaar anschloss, womit dann fast die komplette Besetzung des Hotels Gernika unterwegs war. Er wollte ursprünglich mit uns zur sogen. Gottesbrücke, was aber zeitlich dann nicht mehr klappte. Denn er wählte einen ihm wohlbekannten Weg, der schmaler und schmaler wurde, bis er nur noch als Ziegenpfad bezeichnet werden konnte. Er bestand schließlich nur noch aus einem Betonrohr mit etwa 40 cm Durchmesser, das irgendwie an dem felsigen Hang befestigt worden war und in dem das Wasser einer ergiebigen Quelle zu Tal rauschte. Links von uns ging es meistens steil hoch – immer wieder auch mit bauchig überhängendem Gestein – und rechts ging es genauso oft steil bergab, wobei sich das Ganze vom Schwierigkeitsgrad her langsam steigerte. Wie schon gesagt, für Ziegen und Geübte ein leichter Spaziergang, aber für simple Flachlandtiroler schon eine Herausforderung. Der Ur-Urgroßvater meines Ur-Urgroßvater muss noch als Ziege unterwegs gewesen sein, denn ohne diese Gene hätte ich diese Kletterpartie kaum geschafft. Aber so wurde es zu einer neuen, interessanten und spannenden Erfahrung, auch wenn sie nicht zu meinen Favoriten unter den Fortbewegungsarten gehören wird.

Von dort aus ging's nach Tetouan, das mich aber nur eine Nacht halten konnte, da mir die Atmosphäre der Stadt wegen der vielen Soldaten, Polizisten und Absperrungen nicht gefallen wollte. Wahrscheinlich kreuzte der König oder ein anderes hohes Tier auf, was diese Maßnahmen erforderlich machte. Und so war dann, wie eingangs schon gesagt, Tanger mein nächstes und zugleich letztes Ziel in Marokko. Ein Ziel, das mir anfangs mit der trostlosen Einfahrtstraße und dem genauso trostlos erscheinenden Busbahnhof gar nicht gefallen wollte. Diesen Eindruck vermittelte die Stadt aber wohl hauptsächlich deshalb, weil sich jede Menge Wehmut über das baldige Ende meiner Reise gemeldet hatte, denn es dauerte nicht lange, und auch Tanger reihte sich ein in den intensiven Reigen meiner Erlebnisse und Eindrücke.

Tja, unnu binich widda daheme und es heißt erneut auf die erforderlichen Taler für den nächsten Trip zu sparen, Inchallah.

LG Squai
Zuletzt geändert von Squai am 20.08.2011 - 11:48, insgesamt 1-mal geändert.
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fawkes

Beitragvon fawkes » 29.07.2011 - 13:55

netter bericht.
aber ich bin auch sehr textaffin.
bilder unterstützen solche berichte ungemein...
Barbastella
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Beitragvon Barbastella » 18.08.2011 - 15:57

Ein toller Reisebericht. Ich war selber in Marokko und habe ebenfalls ein Buch über das märchenhafte Land gerschrieben in dem man sich wie in einer Geschichte aus 1001 Nacht vorkommt.

Vielen dank für die Bereichung
reisemarla
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Beitragvon reisemarla » 01.09.2011 - 12:24

Und so habe ich außerdem nur noch mal an anderer Stelle den marokkanischen Wein probiert, der zwar etwas würziger ist, als ich ihn normalerweise mag, aber trotzdem gut trinkbar war. Vom marokkanischen Schnaps, den es in Essaouria geben sollte, habe ich die Finger gelassen, weil er als arger Rachenputzer beschrieben wird.


Toller Bericht! Bei dem absatz musste ich ein wenig schmunzeln! ;-) Kann Deinen Eindruck zum Wein nur teilen und ja, der marokkanische Schnaps reinigt jeglichen Geschmack, sowie den des Rotweines, sobald Du ihn trinkst!Krasser als der serbische Slijvo! ;-)
Joshua
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Beitragvon Joshua » 06.03.2013 - 11:22

Sehr interessanter Bericht! :-) Da bekommt man sofort Lust, seine sieben Sachen zu packen und nach Marokko aufzubrechen!
mofl
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Beitragvon mofl » 17.08.2014 - 12:32

Schöner Bericht. Stehe gerade vor der Entscheidung zwischen Marokko und Oman. Nicht einfach wenn man das so liest.
Squai
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Beitragvon Squai » 17.08.2014 - 13:36

Tja, die Entscheidung kann Dir natürlich niemand abnehmen. Am liebsten würde ich als jemand - der den Oman ebenfalls gerne sehen möchte - sagen: gehe zuerst in das eine und dann sofort in das andere Land. :-)) Da das aber wahrscheinlich nur mit einem gewissen zeitlichen Abstand möglich sein dürfte, hier meine Empfehlung, spüre mal in Dich hinein mit der Frage: wohin zieht mich mein Herz (in diesem Moment stärker) / was lacht mich mehr an ... M oder O?

Und dann kann es zum gesetzten Zeitpunkt losgehen. Toi, toi, toi. Bei mir war es seinerzeit eindeutig Marokko.

Aber egal wie Deine Entscheidung ausfällt, würde ich mich freuen, mehr über Deine Entscheidung und Deine daraus resultierende Reise zu erfahren! Wann soll der Start denn erfolgen, und wie lange willst Du unterwegs sein?

LG
Squai
warwolf
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Beitragvon warwolf » 11.11.2014 - 17:18

Scönstes. Land. Der. Welt.
Martina-Fertig-Los
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Beitragvon Martina-Fertig-Los » 07.09.2015 - 12:04

Wundervolles Land, wundervolle Stadt - Schade, dass immer wieder Reisewarnungen ausgesprochen werden und sich viele nicht trauen, in dieses Paradies zu reisen :-(

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